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Erfahrungsbericht "Überzeugen mit Persönlichkeit"

Seminarbericht im Trainer Kontakt Brief 10/2003, Nr. 44

Rhetorikseminare profitieren ja davon, dass es nicht der Normalzustand ist, vor (großem) Publikum zu sprechen: Man tritt aus der heimischen Sprechrolle heraus, verlässt die Intimität des persönlichen Raums, der es so leicht machte, die Gedanken mit Überzeugung vor zu bringen.

Desaster also im Vortragsraum?
Mitnichten, stattdessen erleben wir langweilige Vorträge langweiliger Vorständler. Wir vermissen die Persönlichkeit, die Wärme, Überzeugungskraft und Identität. Rhetorikkurse sollen Abhilfe schaffen. Doch ein rhetorisch guter, ja brillanter Vortrag überzeugt nicht, wenn nicht die Person(!) des Redners überzeugt.

Muss man also zum Redner geboren sein?
Nein, aber man muss der eigenen Persönlichkeit ein gutes Stück näher kommen. Dazu gehört - neben rhetorischer Technik - die Bewegung, denn Sprechakte sind körperliche Akte, weil der Körper immer mit spricht.
Doch wie setzt man dieses Wissen als Rhetoriktrainerin um?

Keine Laborsituationen
Ich brauchte einen wirklichen Werkstattcharakter, damit die durch Beruf und Karriere geformten Grenzen überschritten werden konnten. Dazu gehören auch Profis aus künstlerischen Disziplinen: Choreographie, Tanz, Schauspiel - und Life-Interviews durch Journalisten.
Es galt auch, die Rolle der Dozentin als Lehrende und die Rolle der Teilnehmer als Lernende aufzubrechen, um neue Zugangswege für das Lernen zu gewinnen. Eine klassische Seminarsituation assoziiert intellektuelle Lernfortschritte und Belehrungen und vermeidet Differenzerfahrungen.

Die Unerfahrenheit des Körpers, sich im öffentlichen Bühnen-Raum zu bewegen, signalisiert dem Intellekt Unsicherheit - und die Körpersprache spricht, noch ehe ein Wort der Rede gefallen ist.

Was die Körpersprache an Differenzen zum Wort aufzeigt, weiß der Vortragende meistens nicht, er glaubt, das Publikum registriere nur den guten Schnitt des Jacketts. Aber "wir suchen ja nicht irgendeinen Prunkredner aus der Schule oder einen Schreier vom Forum" (Cicero), sondern einen Redner, der mit Sprache und Körpersprache überzeugt.

Doch warum versagen die Fähigkeiten vieler Menschen im Moment des Auftritts? Warum hat man in Unternehmen das Gefühl, man erkennt die Firma an der Stimmlage der Vortragenden? Hat man einen gehört, hat man alle gehört, woran liegt das?.

Erste Beobachtungen und die Folgen
Bereits in meinen ersten Rhetorikveranstaltungen beobachtete ich diese Dualität: hier die Kraft der Überzeugung im geschützten intimen Kommunikationsraum, dort das unpersönliche Vortragen im öffentlichen Raum. Ich entwickelte zunächst Improvisationen kleiner, spielerischer Vortragssequenzen, die spontan aus einer Gesprächssituation heraus gehalten werden mussten.

Mittlerweile ist daraus ein methodisches Konzept mit vier Elemeten geworden: der Ort ist eine Bühne; es wird mit externen Profis gearbeitet; Analyse und Reflexion erfolgen aus der life-Situation heraus; es gibt ein Finale mit öffentlichem Vortrag.

Die Bühne als Trainingsort
Gerade die Theaterbühne birgt alle Elemente, die zu Unsicherheiten führen: große Raumtiefe, Verlorenheit, herausgehoben aus der Menge, konfrontiert mit einem technischen Apparat.
Für meine Rhetorik-Werkstatt haben sich mindestens vier mal zwei Tage als sinnvoll herausgestellt.

Alles in allem ist es ein "ungewöhnlicher Workshop", wie ein Teilnehmer schrieb: "Es war irgendwie alles anders und fing damit an, dass es eine persönliche Ansprache zu diesem Seminar gab. Der Ort "Theaterbühne" wird auch nicht zu den typischen Seminarorten gezählt. Seminarbeginn 9:00 Uhr, Ende ca. 21:00 oder 18:00 Uhr auf einem Freitag mit dem Hinweis: "Wir hoffen bis dahin fertig zu sein."

Methodischer Ansatz
Da man niemandem etwas beibringen kann, indem man ihm etwas verbietet, ist es wichtig, die Routine der üblichen Redner-Rolle zu durchbrechen.

"Egal was passiert, mich verunsichert nichts mehr. Grölende Betrunkene mussten während meiner Rede von Sicherheitsleuten entfernt werden. Und als ich gerade mein neues Team vorstellte, kam der Getränkeservice und hat lautstark mit drei Mann die Kisten weggetragen. Irgendwann ist man so souverän, da baut man das mit ein", beschreibt Eine die Störsituationen. Und reflektiert zugleich die neue Qualität der Erfahrung, die das Körpergedächtnis als positive Differenzerfahrungen gespeichert hat.

Es ist schwer, sich mit einer zweiten Person auf der Bühne, beispielsweise bei einer gemeinsamen Moderation - zu koordinieren und die Balance eigener Präsenz und fließendem Einssein mit dem Anderen zu finden.
Nicht viel anders ist die Begegnung mit dem Pult. Wir instrumentalisieren das Pult (manchmal dominiert auch das Pult den Redner), aber es wird nicht genutzt: Der Nachdenkliche stützt sich auf und der Energiegeladene beugt sich fast drüber hinweg. Man kann niemals alle Möglichkeiten im Trockendock trainieren, wichtiger ist mir, die Persönlichkeit zu stärken und jedem Einzelnen eine innere Sicherheit zu vermitteln.

Fazit
"Was haben wir gelernt? Keiner kann richtig gehen, sprechen ist noch schwieriger und selbst aus einem Stuhl aufzustehen ist schwieriger als Kaffee kochen. Dann begann die Entwicklung rasend schnell - unendlich anstrengend - aber mit viel Freude und am Ende mit großem Erfolg. Direkte verständliche Kommunikation untereinander war die richtige Sprache."

Beim öffentlichen Finale hat jeder an Präsenz und Überzeugungskraft gewonnen, weil jeder auf dem Wege ist, die eigene Aura der Rede herzustellen. Das eigentlich Überzeugende der Rede stellt sich zuerst in der Vorstellungswelt des Redners ein, hier erschafft er die Inhalte, die seinen Worten und seiner Körpersprache die Präsenz, Dichte und Überzeugung geben: und das formt die Persönlichkeit, die überzeugt.

Autorin: Sibylle Deutsch, Dr. phil. der Literatur- und Sprachwissenschaft, kommt von der klassischen Rhetorik,Weiterentwicklung zur Persönlichkeitsrhetorik.
Selbständige Unternehmens- und Kommunikationstrainerin seit 1995.
Prozessorientierte inhouse-Veranstaltungen: Schwerpunkte Führung und Kommunikation; Rhetorik, Vortrag und Präsentation; Kommunikationsprozesse u. Miteinander umgehen; Strategisches Coaching. Entwicklung eigener Workshops.
Dr. Sibylle Deutsch Unternehmens- und Kommunikationsberatung, Öffentlichkeitsarbeit Odeonstr. 19, 30159 Hannover
Tel.0511-169 02 30 Fax 0511-169 02 44

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Rubrik Seminarbericht Trainer-Kontakt-Brief 3/03 - Nr. 44
Trainer-Kontakt-Brief 10/03 - Nr. 44

 
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